Die richtige Saatgutmischung: Hier entscheidet sich, was später wachsen kann
Boden vorbereiten, bewässern, düngen und regelmäßig mähen: In eine gute Rasenfläche fließt viel Arbeit. Trotzdem wird ausgerechnet beim Saatgut häufig zuerst gespart. Für mich ist das der falsche Ansatz. Mit der Saat legst du fest, welche Gräser und welche genetischen Eigenschaften deinen zukünftigen Rasen überhaupt bilden können.
Meine wichtigste Regel bei Rasensaat
Bei kaum einer Maßnahme würde ich weniger am Material sparen als bei der Rasensaat.
Einen Dünger kannst du bei der nächsten Düngung wechseln. Deine Bewässerung kannst du verbessern und deine Mähstrategie jederzeit verändern. Hast du aber ungeeignete Gräser ausgesät, besteht dein Rasen zunächst genau aus diesen Pflanzen.
Gute Pflege kann aus einer ungeeigneten Saatmischung keine genetisch hochwertigen Rasensorten machen.
1 Grasart und Grassorte sind nicht dasselbe
Auf Saatgutdeklarationen begegnen dir zunächst Namen wie Lolium perenne, Poa pratensis oder Festuca rubra. Das sind Grasarten. Innerhalb dieser Arten existieren jedoch zahlreiche unterschiedliche Zuchtsorten.
Das lässt sich mit Apfelsorten vergleichen: Ein Elstar und ein Granny Smith sind beide Äpfel, besitzen aber unterschiedliche Eigenschaften. Bei Rasengräsern ist es ähnlich.
Zwei Sorten derselben Grasart können sich unter anderem bei Narbendichte, Blattfeinheit, Farbe, Winterverhalten, Krankheitsanfälligkeit, Belastbarkeit, Regeneration und Konkurrenzkraft unterscheiden.
2 Discounter, Baumarkt oder Premiumsaat?
Der Verkaufsort allein entscheidet nicht über die Qualität. Auch im Baumarkt werden gute Mischungen etablierter Hersteller angeboten.
Trotzdem gibt es erhebliche Unterschiede. Hochwertige Rasenmischungen verwenden gezielt ausgewählte Rasensorten, deren Eigenschaften für bestimmte Nutzungs- und Standortbedingungen geeignet sind.
Bei extrem günstigen Mischungen steht dagegen häufig der Preis stärker im Vordergrund. Schnell keimende und schnell wachsende Gräser können dabei zunächst sogar einen sehr guten Eindruck erzeugen.
Das Problem des schnellen ersten Erfolgs
Eine Mischung kann innerhalb kurzer Zeit eine grüne Fläche erzeugen und trotzdem langfristig ungeeignet sein.
Entscheidend ist, wie sich der Bestand nach Monaten und Jahren entwickelt: Wie dicht bleibt er? Wie fein ist das Blatt? Wie gut verträgt er regelmäßigen Schnitt? Wie reagiert er auf Belastung, Trockenheit und Krankheiten?
3 Warum Futtergras und Rasengras unterschiedliche Ziele haben
Gräser für landwirtschaftliche Nutzung werden teilweise auf andere Eigenschaften selektiert als Rasengräser. In der Landwirtschaft können schneller Aufwuchs und hoher Biomasseertrag erwünscht sein.
Beim Hausrasen stehen dagegen Eigenschaften wie Narbendichte, Schnittverträglichkeit, Belastbarkeit, Regeneration und eine möglichst passende Blattstruktur im Vordergrund.
Ein stark auf Massebildung ausgerichtetes Gras kann deshalb zunächst sehr schnell wachsen und die Fläche rasch begrünen. Später können jedoch gröbere Blätter, starkes Höhenwachstum, hoher Mähaufwand und ein ungleichmäßiger Bestand auffallen.
Lolium perenne ist nicht automatisch Futtergras
Gerade beim Deutschen Weidelgras muss sauber unterschieden werden. Lolium perenne wird sowohl landwirtschaftlich als auch als Rasengras genutzt.
Hochwertige Rasensorten von Lolium perenne gehören sogar zu den wichtigsten Gräsern für Gebrauchs-, Spiel- und Sportrasen. Entscheidend ist deshalb die Sorte und ihr Züchtungsziel.
4 Die wichtigsten Rasengräser
5 Konkrete Sorten: Was bedeutet das in der Praxis?
Die Zahl verfügbarer Rasensorten ist groß und verändert sich durch Züchtung und Zulassung ständig. Eine vollständige Liste wäre für einen Ratgeber wenig sinnvoll. Einige konkrete Beispiele zeigen aber, warum die Sortenbezeichnung überhaupt relevant ist.
| Art | Beispielsorten | Typische Bedeutung |
|---|---|---|
| Lolium perenne | Esquire, Dickens, Clementine, Tetragame | Rasensorten des Deutschen Weidelgrases können sich bei Feinblättrigkeit, Narbendichte, Farbe, Belastbarkeit, Krankheitsresistenz und Regeneration unterscheiden. |
| Poa pratensis | Limousine, Julius, Miracle, Yvette | Bei Wiesenrispensorten sind unter anderem Narbendichte, Rhizombildung, Regeneration, Winterverhalten und Blattstruktur wichtige Auswahlmerkmale. |
| Festuca rubra | Musica, Barcrown, Calliope | Je nach Unterart und Sorte unterscheiden sich Feinblättrigkeit, Ausläuferbildung, Trockenheits- und Schattenverträglichkeit sowie Narbendichte. |
| Festuca arundinacea | Debussy 1, Grande II, Titanium 2LS | Moderne Rasensorten werden unter anderem auf dichteren Wuchs, bessere Blattqualität und Trockenheitstoleranz selektiert. |
Diese Namen sind Beispiele und keine Rangliste. Welche Sorte sinnvoll ist, hängt vom Einsatzzweck und von der Kombination mit den übrigen Bestandteilen der Mischung ab.
6 Welche Gräser können sich gegen andere Gräser behaupten?
Ein dichter Rasen ist selbst ein wichtiger Teil der Unkraut- und Ungrasprävention. Wo die gewünschte Grasnarbe den Boden dicht besetzt, stehen unerwünschten Pflanzen weniger Licht, Raum und offene Bodenstellen zur Verfügung.
Die Konkurrenzkraft einer Grasart hängt aber nicht nur davon ab, wie schnell sie wächst. Entscheidend sind unter anderem Bestockung, Ausläuferbildung, Narbendichte, Regeneration, Standortbedingungen und Pflege.
7 Kann guter Rasen Poa annua und Hirse verdrängen?
Teilweise. Ein dichter und standortgerechter Rasen erschwert unerwünschten Gräsern die Etablierung erheblich. Bereits vorhandene Ungräser verschwinden dadurch jedoch nicht zwangsläufig.
Poa annua
Die Einjährige Rispe ist besonders erfolgreich, wenn sie offene Stellen findet. Sie keimt schnell, kann sehr früh Samen bilden und nutzt Lücken in einer geschwächten Grasnarbe konsequent.
Eine dichte Narbe aus konkurrenzfähigen Rasengräsern reduziert freie Keimplätze. Poa annua lässt sich dadurch unterdrücken, aber nicht zuverlässig allein durch die Wahl einer bestimmten Rasensorte beseitigen.
Hirse
Verschiedene Hirsearten treten vor allem bei warmen Bedingungen auf und profitieren ebenfalls von offenen oder dünnen Rasenbeständen.
Eine dichte etablierte Grasnarbe beschattet den Boden und reduziert den verfügbaren Raum für Keimlinge. Besonders wichtig ist deshalb, kahle Stellen nicht über längere Zeit offen zu lassen.
8 Poa supina ist mehr als nur ein Schattengras
Poa supina wird häufig fast ausschließlich im Zusammenhang mit Schattenrasen genannt. Das greift zu kurz.
Ihre besondere Stärke liegt in der Kombination aus relativ guter Schattenverträglichkeit, Belastbarkeit und vegetativer Ausbreitung über oberirdische Ausläufer, sogenannte Stolonen.
Dadurch kann sie Lücken besiedeln und bei passenden Bedingungen einen sehr dichten Bestand bilden.
Warum wird sie trotzdem vor allem für Schatten empfohlen?
Dort besitzt sie einen besonders wertvollen Vorteil gegenüber vielen klassischen Strapaziergräsern. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie ausschließlich im Schatten wachsen kann.
Auch auf helleren Flächen kann sie sich bei guter Wasser- und Nährstoffversorgung stark entwickeln. Ihre hohe Konkurrenzkraft kann sogar dazu führen, dass sich die ursprüngliche Zusammensetzung einer Mischung mit der Zeit zugunsten von Poa supina verschiebt.
9 Unterschiedliche Gräser brauchen unterschiedlich lange
Eine hochwertige Mischung läuft nicht zwangsläufig gleichmäßig auf. Die enthaltenen Grasarten besitzen unterschiedliche Keimungs- und Entwicklungsgeschwindigkeiten.
Lolium perenne gehört zu den schnell keimenden Rasengräsern. Festuca-Arten benötigen häufig länger. Poa pratensis kann sich nochmals deutlich mehr Zeit lassen.
Nach kurzer Zeit kann deshalb der Eindruck entstehen, dass fast ausschließlich das Weidelgras aufgegangen ist. Die langsameren Bestandteile können sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Keimung oder frühen Entwicklung befinden.
10 Ein Kilogramm ist nicht gleich ein Kilogramm
Grasarten besitzen unterschiedlich große und schwere Samen. Ein Kilogramm Saatgut kann deshalb je nach Zusammensetzung eine sehr unterschiedliche Zahl einzelner Samenkörner enthalten.
Lolium perenne besitzt vergleichsweise große Samen. Rotschwingel ist feiner und die Samen der Wiesenrispe sind nochmals erheblich kleiner.
Sackgröße und Kilopreis sind deshalb schlechte Kriterien für einen direkten Qualitätsvergleich.
11 Welche Gräser passen zu welchem Standort?
Die beste Saatmischung gibt es nicht unabhängig vom Standort. Licht, Temperatur, Wasser, Boden und Nutzung entscheiden, welche Gräser langfristig Vorteile besitzen.
12 Unter Bäumen ist Licht nicht das einzige Problem
Unter Bäumen konkurrieren Rasengräser zusätzlich mit den Baumwurzeln um Wasser und Nährstoffe.
Gleichzeitig kann die Baumkrone einen Teil des Niederschlags abfangen. Dadurch können Flächen unter Bäumen trotz geringerer Sonneneinstrahlung erstaunlich trocken werden.
Eine angepasste Schattenmischung verbessert die Voraussetzungen, kann einen grundsätzlich ungeeigneten Standort aber nicht vollständig ausgleichen.
13 Optik, Belastbarkeit und Pflege zusammen denken
Vor dem Kauf solltest du zuerst festlegen, was die Fläche später leisten soll.
- Optik: Wie fein und gleichmäßig soll der Rasen wirken?
- Belastbarkeit: Spielen Kinder oder Hund regelmäßig auf der Fläche?
- Regeneration: Wie gut sollen Schäden selbstständig wieder geschlossen werden?
- Trockenheitsverträglichkeit: Wie heiß und trocken wird der Standort?
- Schattenverträglichkeit: Wie viel nutzbares Licht erreicht die Fläche?
- Pflegeaufwand: Wie intensiv möchtest du mähen, düngen und bewässern?
14 Was bedeutet RSM?
RSM steht für Regel-Saatgut-Mischungen Rasen. Das Regelwerk wird von der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau, kurz FLL, herausgegeben und regelmäßig aktualisiert.
Die RSM ordnen Saatmischungen verschiedenen Verwendungszwecken und Standortbedingungen zu und definieren dafür geeignete Zusammensetzungen und Anforderungen.
Für Privatanwender ist das interessant, weil eine RSM-Zuordnung wesentlich mehr über den vorgesehenen Einsatzzweck aussagt als reine Werbebegriffe wie „Premiumrasen“, „Turbo-Rasen“ oder „Englischer Rasen“.
15 Bei einer Nachsaat gelten andere Prioritäten
Bei einer Neuanlage starten die jungen Gräser weitgehend ohne Konkurrenz eines vorhandenen Rasenbestands.
Bei einer Nachsaat müssen sie sich dagegen zwischen bereits etablierten Pflanzen behaupten. Schnelle Keimung und kräftige Jugendentwicklung gewinnen deshalb an Bedeutung.
Aus diesem Grund besitzen viele Nachsaatmischungen einen hohen Anteil geeigneter Lolium-perenne-Sorten.
16 Auch Premiumsaat braucht gute Pflege
Hochwertiges Saatgut ersetzt weder ein gutes Saatbett noch Bewässerung, Düngung und die richtige Schnitthöhe.
Selbst die beste Mischung kann ihr Potenzial nicht entfalten, wenn die Samen während der Keimung austrocknen oder die späteren Standortbedingungen nicht zu den ausgewählten Gräsern passen.
Umgekehrt kann gute Pflege die genetischen Eigenschaften einer hochwertigen Mischung erst richtig sichtbar machen.
Warum ich beim Saatgut nicht spare
Eine hochwertige Saatmischung kostet auf einer typischen Hausrasenfläche möglicherweise einige zehn Euro mehr als eine besonders günstige Alternative.
Der daraus entstehende Rasen soll anschließend viele Jahre bestehen. In dieser Zeit investierst du Geld in Wasser, Dünger, Rasenmäher und andere Geräte und vor allem viel Zeit in die Pflege.
Gemessen daran halte ich die einmalige Ersparnis beim Saatgut für wenig sinnvoll.
Das bedeutet nicht, dass jede teure Mischung automatisch gut und jede günstige Mischung automatisch schlecht ist. Entscheidend bleibt die tatsächliche Zusammensetzung.
Die häufigsten Fehler bei der Auswahl von Rasensaat
- Nur nach dem Preis entscheiden: Der Kilopreis sagt wenig über die Eignung der enthaltenen Arten und Sorten aus.
- Nur auf Werbebegriffe achten: „Premium“, „Profi“ oder „Turbo“ ersetzen keine Prüfung der tatsächlichen Zusammensetzung.
- Schnelle Keimung mit Qualität verwechseln: Ein schnell grüner Rasen ist noch kein Beweis für einen langfristig hochwertigen Bestand.
- Nur auf die Grasart schauen: Die konkrete Rasensorte kann innerhalb derselben Art einen erheblichen Unterschied machen.
- Den Standort ignorieren: Eine hervorragende Mischung für volle Sonne kann im Schatten trotzdem die falsche Wahl sein.
- Die spätere Nutzung vergessen: Ein Zierrasen und ein intensiv genutzter Familienrasen benötigen unterschiedliche Eigenschaften.
- Nur ein einzelnes konkurrenzstarkes Gras suchen: Eine stabile Grasnarbe entsteht aus geeigneter Mischung, Standortanpassung und Pflege.
- Premiumsaat als Erfolgsgarantie betrachten: Auch hochwertiges Saatgut benötigt passende Bodenbedingungen, Wasser, Nährstoffe und Pflege.
Mein Fazit
Die Saatmischung entscheidet darüber, mit welchen Gräsern und genetischen Eigenschaften du deinen zukünftigen Rasen aufbaust. Deshalb ist sie für mich einer der wichtigsten Bausteine einer hochwertigen Rasenfläche.
Dabei reicht es nicht, nur auf Lolium, Poa oder Festuca zu schauen. Auch innerhalb dieser Arten existieren unterschiedliche Rasensorten mit unterschiedlichen Eigenschaften.
Gleichzeitig muss die Mischung zum Standort passen. Ein sonniger und stark beanspruchter Familienrasen stellt andere Anforderungen als eine trockene Südlage oder eine Fläche im Schatten.
Eine dichte und konkurrenzfähige Grasnarbe hilft außerdem dabei, Poa annua, Hirse und anderen unerwünschten Pflanzen weniger Raum zur Etablierung zu lassen.
Gute Pflege bleibt anschließend unverzichtbar. Aber sie kann nur mit den Gräsern arbeiten, die vorher ausgesät wurden.